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Stromausfall - Du bist tot
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stromausfall

Let's Play Minecraft

Du_bist_tot_CoverDiebstähle in MMORPGs sind nichts neues. In der Regel haben diese aber nur Auswirkungen auf den virtuellen Raum. Doch was wäre, wenn ein solcher Diebstahl auch die reale Welt betreffen und dort für einen immensen Schaden im sechs- oder gar noch höher stelligen Bereich sorgen würde?
Das ist unwahrscheinlich? So unwahrscheinlich ist das gar nicht, wie der Roman Du bist tot (Originaltitel: Halting State) zeugt. In diesem beschreibt der Autor nämlich genau so ein Szenario.

Bevor wir uns näher mit dem Inhalt des Buches auseinandersetzen, möchte ich erst einmal erklären wieso ich überhaupt auf dieses Buch gekommen bin. Schließlich sagt der Titel Du bist tot nicht gerade aus, dass es sich hierbei um ein Buch handelt, das für unser Special geeignet ist.
Das stimmt sehr wohl, und der Titel war wirklich nicht der Grund für diese Annahme. Der wahre Grund war das Coverbild. Dieses ist nämlich im typischen GTA-Stil gestaltet – sogar der Schriftstil, in dem der Titel geschrieben wurde, ist der den man von GTA-Covern kennt.

So angefixt habe ich mir dann direkt angeschaut, um was es in dem Buch geht. Und siehe da: Der Eindruck hat nicht getäuscht. Es handelt sich zwar nicht um ein GTA in Buchform, aber dennoch um eine Geschichte, die perfekt in dieses Stromausfall-Special passt.
Der Autor Charles Stross, der 1964 in Leeds, England geboren wurde und Pharmakologie sowie Computerwissenschaften studierte und erst nach einigen anderen Berufen sich voll und ganz der Schriftstellerei widmete (und dort mit seinen beiden Romanen Accelerando und Glashaus zu einem der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren avancierte) beschreibt in seinem Roman Du bist tot nämlich eine Geschichte, die jeden MMORPG-Spieler interessieren dürfte.

Die Geschichte spielt im Jahr 2018. Realität und Internet sind mittlerweile so eng miteinander verknüpft, dass sie nun endgültig nicht mehr voneinander trennbar sind. Man ist wirklich zu jeder Sekunde seines Lebens Online, egal ob man zuhause, unterwegs, auf der Arbeit oder sonst wo ist. Selbst die Polizei arbeitet mittlerweile mit modernster Technik und kann ohne Onlineverbindung kaum noch ihrer geregelten Arbeit nachgehen.
Doch nicht nur die Polizei geht modernere Wege, auch das Verbrechen nutzt die Technik vermehrt für sich. Dies muss auch Polizei-Sergeant Sue Smith feststellen. Denn der scheinbar normale Raubüberfall zu dem sie gerufen wird, entpuppt sich schnell als etwas, dass sie so noch nie gesehen hat.
Als ihr der aufgebrachte Marketing Manager der Hayek Associates die Überwachungsvideos zeigt, sieht sie nämlich nicht – wie sie vermutete – vermummte Typen durch das Gebäude laufen, sondern eine Horde Orks und einen Drachen eine virtuelle Bank in einem Fantasy-MMORPG überfallen.
Zunächst denkt sie noch, dass der Anruf ein Scherz und das wohl eine Sache für den Spielehersteller sei. Doch als sie hörte, dass dieser Überfall Hayek Associates Millionen kosten würde, wird ihr schnell klar, dass dies wohl doch eine ernste Lage ist.
Nur dumm, dass sie sich mit dem Thema Internetkriminalität und allem was damit zu tun hat, gar nicht auskennt. Doch sie lernt fleißig und findet bei ihren Ermittlungen immer mehr heraus, dass hinter dem virtuellen Raubüberfall wohl noch mehr steckt, als es zunächst den Anschein machte. Irgendwie sind sogar internationale Geheimdienste in die Sache verstrickt und als dann auch noch der Manager von Hayek Associates tot aufgefunden wird und Hacker Netzwerke des ganzen Landes außer Gefecht setzen, ist klar, dass weit größere Interessen hinter dem Verbrechen stecken.

Sue ist allerdings nicht die einzige, der dies klar wird. Denn neben ihr sind auch zwei weitere Personen auf der Suche nach den Drahtziehern dieses Verbrechens. Elaine Barnaby, Wirtschaftsberaterin, und der kurz zuvor entlassene Spiele-Entwickler Jack Reed wurden beide von dem Unternehmen, das hinter Hayek steht, engagiert um ihrerseits Ermittlungen durchzuführen.
Im Laufe der Geschichte treffen die drei aufeinander und finden sich bald in einem wahren Geflecht von Wirtschaftsspionage, Korruption und verdeckten Geheimdienstaktivitäten wieder, das an spannende Wirtschaftskrimis erinnert.

Leseprobe
Es ist Stufe vier, verdammt nochmal. Vielleicht hätte es eigentlich Stufe drei sein sollen, aber unser telefonischer Bereitschaftsdienst hat die Sache als eher unwichtig abgetan. Zwar wurde die Sache mit höchster Dringlichkeit durchgegeben, aber der Zivilist, der das Vergehen gemeldet hat, klang so, als wäre er entweder geisteskrank, auf Drogen oder sonst wie neben der Spur –jedenfalls eindeutig jenseits des Bodens der Realität. Also hat man die Priorität von Stufe drei (»Polizeibeamte werden so schnell wie möglich am Tatort erscheinen«) auf Stufe vier gesenkt (»Irgendjemand wird innerhalb der nächsten vier Stunden vorbeikommen, um Aussagen zu protokollieren, falls wir nichts Besseres zu tun haben«) und die Notiz mit einer mysteriösen Anmerkung versehen (»Zivilist schwafelt von Orks und Drachen. Hat er einen an der Klatsche? Allerdings bestätigt Zivilist 2 die Aussage. Sind die beide durchgeknallt?«).
Doch dann hatte jemand in der Leitstelle die schlaue Idee, sich den Tatort im CopSpace anzusehen, und stellte dabei fest, dass die Anrufe aus einem ehemaligen Atom-
bunker in Corstorphine kamen, den irgendjemand bei der Inneren Sicherheit als »interessanten Ort« gekennzeichnet hat. Daraufhin wurde Inspektor McGregor hellhörig, was dazu führte, dass es mit deinem gemütlichen Donnerstagnachmittag jetzt aus und vorbei ist.
Deine Tagschicht hat vor vier Stunden begonnen, und du warst gerade dabei, dich von zwei Wochen Nachtschicht zu erholen, in denen du nicht zuletzt die »Aufräumarbeiten« nach Schlägereien Betrunkener auf der Lothian Road und nach häuslichen Gewalttaten in Craiglockhart überwacht hast. Die Tagschicht am anderen Ende der Hauptstadt kommt dir dagegen wie ein Spaziergang vor, denn dabei hast du es mit Einsätzen völlig anderer Art zu tun, die nur selten mit Gewalttätigkeiten zu tun haben. An diesem Morgen hast du dich um zwei Ladendiebstähle gekümmert, um die mutwillige Verunreinigung von Straßen (du hast Leute aus deinem Team darauf angesetzt) und um mehrere Treffen mit Verbindungsleuten aus der Stadtverwaltung. In zwei Stunden sollst du auf der Wache im Rahmen einer via E-Mail abgewickelten Anhörung deine Aussage zu einer Einbruch-Serie abgeben, da du diesen Fall persönlich bearbeitet hast. Außerdem spielst du den Babysitter für Bob – den Polizisten Robert Lockhart, der noch in der Probezeit ist und so frisch von der Polizeihochschule kommt, dass er sich wirklich wie ein absoluter Frischling verhält. Es ist also nicht so, dass du nichts zu tun hättest, aber wenigstens macht das meiste wenig Stress.
Als Mac dich mittels IM kontaktiert, hast du gerade eine halbe Stunde im Starbucks an der Corstorphine High Street verbracht und die Zeit dazu genutzt, unterstützt von einem großen Café Latte und einem fetten dänischen Hefeteilchen (das du mit schlechtem Gewissen genießt) den fälligen Papierkram zu erledigen. Ständig nervt dich Mary wegen deines Herzens, seit ihr beide im letzten Jahr diesen blöden DNA-Test gemacht habt (»so the wee wun kens his maws ur both gawn tae be aboot fer a whiule«, hat Mary in ihrem breiten Edinburgh-Schottisch gesagt – »damit der Kleine sicher sein kann, dass seine Mütter alle beide noch eine ganze Weile da sein werden«). So wie Mary auf deiner Ernährung herumreitet, könnte man meinen, Raffinadezucker sei mit Blausäure versetzt. Dabei kannst du es dir schlichtweg nicht leisten, wegen zu niedrigen Blutzuckers zappelig zu reagieren, wenn dein Einsatz gefragt ist. Außerdem macht uns das, was verboten ist, ja gerade scharf. Also stopfst du dir die Backen so voll wie ein dementer Hamster und tippst mit einer klebrigen Fingerspitze in der Luft herum, bis sich vor der Espressomaschine plötzlich ein Fenster im Cop-Space auftut.
SUE. MAC HIER.

Spannend ist aber nicht nur die Geschichte, sondern auch die gewählte Erzählweise. Charles Stross hat sich nämlich für die zweite Person entschieden – im Klartext bedeutet das, dass man die Geschehnisse immer so erlebt, als ob man selber Sue, Elaine oder Jack ist. Diese Art des Erzählens dürfte für viele zunächst etwas fremdartig wirken. Doch schon bald gewöhnt man sich daran und fühlt sich tiefer in die Geschichte einbezogen als es wohl mit einer herkömmlichen Schreibweise wäre.

Etwas schwieriger verhält es sich da schon mit den vielen Fachbegriffen, die während der ganzen Geschichte fallen. Kein Wunder also, dass von den insgesamt 555 Seiten die dieser Roman dick ist, ganze 40 Seiten nur für ein Glossar verwendet wurden, der u.a. Nicht-IT-Fachmännern erklärt, um was es sich beispielsweise bei DOD-5220.22-M oder Scam419 handelt.

Fazit:
stefan2Du bist tot zeigt, wie unser Leben in ein paar Jahren wirklich aussehen könnte. Dass wir 2018 alle mit Datenbrillen herumlaufen, wirklich jede Sekunde unseres Lebens Online sind und Realität und virtuelle Welt so eng miteinander verbunden sind, dass Taten auf der einen auch auf der anderen Seite Auswirkungen haben, wirkt mehr als realistisch.
Doch abgesehen davon erzählt Du bist tot auch einen spannenden Wirtschafts-Krimi, bei dem sich beinahe auf jeder Seite neue Abgründe auftun.
Wer Spaß an solchen Romanen und eventuell auch noch was für MMORPGs übrig hat, muss sich Du bist tot von Charles Stross einfach holen! Das Taschenbuch (bzw. ebook) kostet gerade mal 9,95 Euro und bietet dafür mindestens genauso lang gute Unterhaltung wie ein gutes Rollenspiel.

Ihr findet das Buch z.B. bei Amazon, direkt bei Heyne oder im gut sortierten Buchhandel.

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Special vom: 13.09.2014
Autor dieses Specials: Stefan Heppert
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