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Stromausfall: Am liebsten mag ich Monster
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am_liebsten_mag_ich_monster_coverDass ich Comicbücher lese, ist leider eine Seltenheit. Am liebsten mag ich Monster hat mich aber sofort angesprochen – wie sich zeigte, hat mich mein Gefühl nicht getrübt.

Was mich an Am liebsten mag ich Monster (im amerikanischen Original My Favorite Thing is Monsters) auf Anhieb und noch vor dem Lesen des Pressetextes wie magisch angezogen hat, war die Aufmachung. Emil Ferris hat bei ihrem Erstlingswerk nämlich mit jeglichen Comic-Konventionen gebrochen. Das fängt schon bei der Aufmachung an. Das rund 420 Seiten dicke Werk sieht wie ein Ringbuch aus – selbst die für ein Ringbuch typischen Linien und seitigen Löcher und einige Falten sind zu sehen (wenngleich die Löcher und Falten auch nur aufgedruckt sind). Die Zeichnungen selber erinnern vielmehr an Skizzen, die jemand mit Buntstiften „gekritzelt“ hat, so dass man quasi jeden einzelnen Strich erkennen kann. Um die Authentizität zu perfektionieren, wurde auch oft auf die typischen Comic-Sprechblasen verzichtet und stattdessen Texte und Erläuterungen neben die Skizzen geschrieben. All dies sieht unglaublich beeindruckend aus und hat zurecht erst kürzlich drei der begehrten Eisner-Awards (quasi das Comic-Pendant zu den Oscars) abgeräumt.

Emil Ferris hat aber nicht nur ein optisch eindrucksvolles Werk geschaffen, auch dessen Geschichte ist extrem gut. Der Mystery/Crime-Comic erzählt dabei die Geschichte der 10-jährigen Karen Reyes und spielt im Chicago der 1960er Jahre. Vordergründig geht es dabei um den Tod ihrer Nachbarin, den Karen aufzuklären versucht. Um diese Story herum ranken sich viele Subebenen, bei denen es um das Erwachsenwerden, Andersartigkeit und Ausgrenzung geht:
Als Unterschichtenkind mit Latino-Herkunft hat es Karen nicht leicht: Sie wird von ihren Schulkameraden gehänselt und tätlich angegriffen. Sie ist eine Außenseiterin mit wenigen Freunden und, als wären die Probleme mit Schule, Eltern und dem Leben in einem sozialen Brennpunkt nicht schon ausreichend, verstärken die aufkeimende Pubertät und die Erkenntnis, dass sie sich wohl eher Frauen zugewandt fühlt, die Unbilden des Alltags noch.
Die begeisterte Monster-Film- und Pulp-Heft-Freundin schafft sich eine imaginäre Welt, in der Monster an die Stelle realer Personen treten. In dieser Form hält sie auch die Geschehnisse in ihrem gezeichneten Tagebuch fest, mit sich als Werwolf-Mädchen in einer Haupt-Nebenrolle.

Die daraus entstehende Mischung aus Familientragödie, Coming-of-Age-Drama, Zeitgeschichte, Monstergeschichte und Krimi ist abwechslungsreich, spannend, gefühlvoll und gruselig zugleich. Am liebsten mag ich Monster berichtet dabei eindrucksvoll vom Chicago der 60er Jahre, mit all seinen tollen, aber auch dunklen Facetten, und geht auch noch weiter in der Zeit zurück, um die Leiden einer jüdisch-stämmigen Protagonistin während ihrer Kindheit und Jugendzeit zu zeigen, die sie zu einem Großteil unter der NS-Herrschaft erleben musste. Gerade diese Parts sind unfassbar ergreifend und lassen niemanden kalt. Als Gegenpol dazu gibt es dann aber auch wieder die Hommage an die Horror-B-Movies der 1960er-Jahre, für die Ferris ganz offensichtlich eine große Liebe hegt, wie sie hier mit zahllosen tollen Motiven eindrucksvoll zeigt und den Leser nur staunen lassen.

Bevor ich zu meinem Fazit komme, möchte ich schnell noch ein paar Worte zur Entstehung dieses, ja man kann es wohl ohne Übertreibung sagen, Meisterwerkes loswerden, denn seine Entstehungsgeschichte ist beinahe genauso spannend wie das Endprodukt selber. Wie oben schon erwähnt ist Am liebsten mag ich Monster das Erstlingswerk von Emil Ferris. Die 55-jährige, aus Chicago stammende Autorin arbeitete zunächst als Illustratorin und Spielzeugdesignerin, bis sie sich 2001, mit 40 Jahren, durch einen Mosquito-Stich mit dem West-Nil-Virus infizierte. In Folge dessen war sie zeitweise von der Hüfte abwärts gelähmt war und konnte ihre Hand nicht mehr bewegen. In der Zeit der Reha und danach wurde das Zeichnen zur mentalen Stütze und einem Instrument, um ihre motorischen Fähigkeiten Stück für Stück zurückzuerobern. Noch heute leidet sie zwar unter Spätfolgen der Krankheit, schaffte damals aber trotz aller Einschränkungen einen Abschluss im „Kreativen Schreiben“ an der School of the Art Institute of Chicago und fing zudem mit der Arbeit an ihrem Debüt an. Diese Arbeiten dauerten ganze sechs Jahre, bis Am liebsten mag ich Monster, nach einigen weiteren kleineren Schwierigkeiten, 2017 endlich in den USA erschien.

Fazit:
Nicht jeder mag Comics, daran kann man nichts ändern. Am liebsten mag ich Monster, schafft es aber, selbst die Uninteressiertesten für sich zu interessieren – zumindest hab ich genau das während der Rezensionszeit mehr als nur einmal erlebt. Egal, wo ich war und das Buch in der Hand hielt, jedes Mal sprach mich jemand drauf, auch wenn er sonst kein Interesse für Comics hegte. Und warum schafft es Am liebsten mag ich Monster diese Reaktionen zu erzeugen? Ganz einfach, weil es sich mit seiner ganzen Aufmachung und dem Zeichenstil von herkömmlichen Comicbüchern und Graphic Novels abhebt und wirklich jeden sofort beeindruckt. Ich denke, das ist auch das größte Kompliment, das man Emil Ferris machen kann – dass sie es geschafft hat, ein Comicbuch zu erschaffen, das jeden zum Staunen bringt. Dass dabei auch noch eine tolle, abwechslungsreiche und spannende Geschichte erzählt wird, ist noch das i-Tüpfelchen obendrauf, was endgültig dafür sorgt, dass Am liebsten mag ich Monster eines der herausragenden Werke der letzten Jahre geworden ist.

Wer sich jetzt Am liebsten mag ich Monster kaufen möchte, findet die Grapic Novel u.a. auf Amazon oder direkt im Panini Webshop für jeweils 39,00 Euro.
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Special vom: 09.08.2018
Autor dieses Specials: Stefan Heppert
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