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Oliver Kalkofe kennt man als Mann mit spitzer Zunge und scharfem Blick. Seit den 1990ern ist er aus der deutschen Satirelandschaft nicht mehr wegzudenken: Ob in Kalkofes Mattscheibe, wo er das Fernsehen genüsslich auseinandernimmt, oder bei SchleFaZ, wo er zusammen mit Peter Rütten die schlechtesten Filme aller Zeiten zelebriert – Kalkofe hat ein besonderes Talent, Unsinn und Wahrheit gleichzeitig sichtbar zu machen. Doch in seinem Buch Nie war Früher schöner als Jetzt zeigt er eine andere Seite: persönlich, nachdenklich – und natürlich trotzdem zum Schreien komisch.
Kalkofe, Jahrgang 1965, gehört zur sogenannten Boomer-Generation – jener Jahrgangsspanne, die zwischen Neonfarben, Walkman, Wählscheibentelefon und Sendeschluss im Fernsehen aufgewachsen ist. In seinem Buch unternimmt er eine humorvolle, aber auch selbstkritische Reise zurück in diese Zeit. Dabei stellt er die scheinbar einfache Frage: War früher wirklich alles besser – oder verklären wir die Vergangenheit nur, weil sie uns vertraut ist?
Mit gewohntem Sprachwitz schildert Kalkofe Szenen aus seiner Jugend: miefig vertäfelte Partykeller, endlose Autofahrten im Zigarettenqualm, das gemeinsame Fernsehen der großen Samstagabendshow mit der Familie – als man noch zwischen „ARD“ und „ZDF“ wählen konnte und nach Mitternacht der Sendeschluss kam. Diese Erinnerungen werden zum Spiegel einer Generation, die zwischen Nostalgie und digitaler Gegenwart schwankt. Kalkofe gelingt es, die Komik und den Charme vergangener Jahrzehnte einzufangen, ohne in sentimentale Verklärung zu verfallen, und lässt dabei auch nicht den heute teilweise fragwürdigen Sprachgebrauch aus.
Sprachlich bleibt Kalkofe dabei ganz so, wie man ihn aus dem TV kennt: direkt, klug, mit trockenem Humor und dieser unverwechselbaren Mischung aus Ironie und Herzenswärme. Man lacht über seine Anekdoten, aber oft bleibt das Schmunzeln nachdenklich hängen. Denn zwischen den Witzen über Dauerwellen, Röhrenfernseher und Partykeller schwingt eine ernste Wahrheit mit: Jede Generation glaubt, ihre Jugend sei einzigartig – und vergisst dabei, dass sie selbst einmal das „Heute“ war, über das sich die Älteren beschwert haben.
Besonders schön ist, wie ehrlich Kalkofe mit sich selbst umgeht. Er verklärt nichts, sondern erzählt mit einem Augenzwinkern von den Eigenheiten und Schrullen seiner Zeit – von schlechtem Modegeschmack über die grenzenlose Geduld beim Warten auf den Lieblingssong im Radio bis hin zu der Aufregung, wenn ein Brief endlich ankam. Diese kleinen Beobachtungen machen das Buch authentisch und unglaublich sympathisch.
Natürlich ist das Buch in allererster Linie für die Generation gedacht, die die damalige Zeit miterlebt hat und zum Beispiel noch weiß, was eine Telefonzelle war. Aber auch jüngere Leserinnen und Leser werden ihren Spaß haben. Denn Kalkofes Geschichten sind universell: Es geht um das Erwachsenwerden, um Veränderung, um die Frage, wie Erinnerungen uns formen. Und daran kann man auch Spaß haben, wenn man nicht jede Anspielung direkt versteht.
Fazit: Oliver Kalkofe beweist mit Nie war früher schöner als jetzt, dass er als Autor weit mehr kann als Parodien und Fernsehspott. Sein Buch ist eine charmante, witzige und zugleich nachdenkliche Liebeserklärung an eine Zeit, die vielleicht nicht besser war, aber ganz sicher anders. Und genau das Nie war Früher besser als Jetzt so lesenswert.
Zu erwerben gibt es Nie war Früher schöner als Jetzt: Ein Boomer blickt zurück nach vorn für 22,00 Euro (bzw. 18,99 Euro als e-Book) bei Amazon, beim herausgebenden Knaur Verlag oder im Buchhandel.
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