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Nachdem Real Americans bisher nur im englischen Original erhältlich war, bringt der Verlag Kiepenheuer & Witsch den US-Bestseller von Rachel Khong jetzt auch endlich in einer übersetzten Fassung nach Deutschland. Somit dürfen auch wir nun das Buch genießen, welches die internationalen Kritiker als klug erzählt, emotional geerdet und bemerkenswert zeitgemäß beschreiben.
Eine Familiengeschichte, die unter die Haut geht Zunächst entführt uns Rachel Khong in das New York der späten 90er Jahre. Hier treffen wir Lily Chen, eine junge Frau aus einer chinesischen Einwandererfamilie, die sich als unterbezahlte Praktikantin durch das schillernde Manhattan schlägt. Als sie Matthew kennenlernt, den charmanten Erben eines gigantischen Pharma-Imperiums, entspinnt sich zunächst eine klassische „Boy meets Girl“-Romanze. Doch unter der glatten Oberfläche des unermesslichen Reichtums beginnen bald Risse zu klaffen, und die Frage nach der Macht des Geldes über die menschliche Natur rückt ins Zentrum. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Danach springt sie nämlich fünfzehn Jahre in die Zukunft und wechselt die Perspektive zu Nick, Lilys Sohn. Er wächst bei seiner alleinerziehenden Mutter im abgeschiedenen Pazifischen Nordwesten auf, fernab vom New Yorker Glamour. Nick kämpft mit einer Identität, die sich unvollständig anfühlt; er sieht seinem Vater nicht im Geringsten ähnlich und trägt Fragen in sich, auf die Lily keine Antworten geben will. Seine Suche nach den eigenen Wurzeln führt ihn schließlich tief in die dunklen Geheimnisse seiner Abstammung. Den Kreis schließt schließlich May, Lilys Mutter und eine brillante Genetikerin, die einst während der Kulturrevolution aus China floh. Durch ihre Augen blicken wir zurück auf die wissenschaftlichen Ambitionen und die schmerzhaften Opfer, die den Grundstein für die Gegenwart gelegt haben. In ihrem Abschnitt offenbart sich die tragische Dimension des Romans: Wie weit gehen Eltern, um das Schicksal ihrer Kinder durch Wissenschaft zu „optimieren“, und ab wann wird Fürsorge zur Manipulation?
Elegant, komplex und einfach fantastisch Khong schreibt mit einer Eleganz, die sich nie in den Vordergrund drängt. Sie nimmt komplexe Themen wie Klassenzugehörigkeit, Gentherapie und die amerikanische Identität und verpackt sie in eine Geschichte, die sich so flüssig liest wie ein moderner Klassiker. Das Herzstück des Buches ist die Frage nach der Vorherbestimmung: Sind wir nur die Summe unserer Gene? Oder können wir uns von der Last unserer Vorfahren befreien? Zudem stellt er unbequeme Fragen zu sozialer Gerechtigkeit, Privilegien und dem amerikanischen Traum. Khong bietet zu alledem keine einfachen Antworten, sondern lässt ihre Figuren in moralischen Grauzonen agieren, die den Leser auch nach dem Zuklappen noch lange beschäftigen.
Fazit: Man kann dem Verlag Kiepenheuer & Witsch nur dankbar sein, dass er Real Americans als deutschsprachige Übersetzung veröffentlicht hat. Ohne diesen Schritt würde uns zweifellos einer der bedeutendsten Romane unserer Zeit entgehen. ​Rachel Khong ist hier nämlich das Kunststück gelungen, ein modernes, intelligentes und zugleich tief emotionales Werk zu schaffen, das persönliche Schicksale gekonnt mit scharfsinniger gesellschaftlicher Analyse verknüpft. ​Wer auf der Suche nach literarischer Unterhaltung ist, die sowohl Tiefgang besitzt als auch lange nachwirkt, wird hier fündig. Real Americans ist ein Roman, der eindrucksvoll aufzeigt, wie tief wir durch unsere Herkunft geprägt sind – und wie steinig der Weg sein kann, wenn man versucht, sich von diesen Wurzeln zu lösen. Ein absolut lesenswertes Buch, das die großen Fragen nach Identität und Zugehörigkeit stellt.
Zu erwerben gibt es Real Americans für 24,00 Euro (bzw. 19,99 Euro als e-Book) bei Amazon, im Buchhandel oder beim herausgebenden Verlag Kiepenheuer & Witsch.
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