Der Landwirtschafts-Simulator ist der mit Abstand bekannteste und erfolgreichste seiner Zunft, doch Simulator-Spiele im Allgemeinen boomen seit einiger Zeit. Ein Blick auf die monatliche Releaseliste zeigt, dass kein Monat vergeht, ohne dass zumindest ein oder zwei neue Simulatoren erscheinen. Dabei gibt es schon jetzt kaum einen Beruf oder eine Tätigkeit, die noch nicht in einem Simulator für jedermann zugänglich gemacht wurde. Da es bei diesem riesigen Angebot kaum machbar ist, alle Spiele zu testen, möchten wir euch in diesem Special in unregelmäßigen Abständen die neuesten, besten oder auch kuriosesten Simulatoren vorstellen.
Teil 318: Thomas & Friends: Wonders of Sodor Mit Thomas & Friends: Wonders of Sodor bekommt die wohl berühmteste Lok der Welt ihr bislang ambitioniertestes Videospiel. Statt eines simplen Minispiel-Sammelsuriums erwartet Spieler eine Zug-Simulation für die ganze Familie. Entwickler Dovetail Games nutzt hier seine Erfahrung aus Train Sim World und verpackt sie in eine kunterbunte, nostalgische Reise über die Insel Sodor.
Eine Ikone der Kinderunterhaltung Auch wenn es kaum vorstellbar ist, gibt es vielleicht doch den ein oder anderen, der diesen Artikel liest und mit Thomas, die kleine Lokomotive nichts anfangen kann. Bevor wir also zum eigentlichen Spiel kommen, lohnt sich ein kurzer Blick auf deren Ursprünge:
Die TV-Serie Thomas & Friends, die hier als Vorlage dient, gehört seit Jahrzehnten zu den erfolgreichsten Kindersendungen weltweit. Ihren Ursprung hat sie in den „Railway Series“-Büchern von Reverend Wilbert Awdry, der die Geschichten rund um die sprechenden Lokomotiven bereits 1945 erfand. Den ganz großen Durchbruch erlebte die blaue Lok jedoch erst mit der legendären TV-Serie, die 1984 startete und über Generationen hinweg Kinder mit den Abenteuern von Thomas, Percy, Gordon und ihren Freunden begeisterte.
Typisch für die Reihe ist die Mischung aus einfachen, lehrreichen Geschichten, klaren Moralbotschaften und einer angenehm entschleunigten Erzählweise. Die Insel Sodor fungiert dabei als eigene kleine Welt, in der Teamwork, Zuverlässigkeit und Freundschaft wichtiger sind als Geschwindigkeit oder Wettbewerb – ein Ansatz, den auch das Spiel konsequent übernimmt.
Man fühlt sich direkt wie auf Sodor Direkt nach dem Start wird klar: Die Entwickler haben ihre Hausaufgaben hier gemacht. Die Insel Sodor sieht dank Unreal Engine genauso aus, wie man sie aus der TV-Serie kennt. Wenn man zum ersten Mal aus den Tidmouth Sheds rollt und die Morgensonne über Knapford Station aufgeht, kommt echtes Gänsehaut-Feeling auf.
Die Kampagne umfasst acht komplett vertonte Episoden, die sich wie interaktive Folgen der Serie anfühlen. Ihr übernehmt die Kontrolle über Thomas, Percy, Gordon und Co. und erledigt verschiedene Aufträge, die euch von Sir Topham Hatt erteilt werden. Vom simplen Gütertransport bis hin zu kniffligen Rettungsmissionen – etwa wenn die „Troublesome Trucks“ mal wieder für Chaos sorgen – ist alles dabei.
Allerdings zeigt sich hier auch eine der Schwächen des Spiels: Trotz grundsätzlich abwechslungsreicher Aufgaben wiederholen sich die Missionsabläufe im Verlauf der Kampagne immer wieder. Nach einigen Episoden stellt sich dadurch eine gewisse Routine ein. Gleichzeitig passt das aber auch zur Ausrichtung des Spiels – schließlich ist es in der TV-Serie nicht anders, in der Thomas und seine Freunde ebenfalls oft ähnliche Aufgaben bewältigen.
Nach der rund vierstündigen Story ist aber noch lange nicht Schluss. Weitere Spielmodi sorgen für zusätzliche Abwechslung und verlängern die Spielzeit deutlich. Neben einer freien Erkundung von Sodor, bei der ihr verschiedene Züge nach Belieben einsetzen könnt, gibt es wie in Train Sim World einen Fahrplanmodus für reguläre Zugfahrten. Darüber hinaus bietet die Rangierherausforderung ein spaßiges Minispiel, während Sammelobjekte und Fotomöglichkeiten zum Erkunden einladen.
Simulation für Einsteiger Trotz des niedlichen Looks steckt unter der Haube mehr Simulation, als man zunächst vermuten würde. Beschleunigung, Bremsverhalten und Streckenführung fühlen sich erstaunlich glaubwürdig an. Selbst Signale und Weichen sind vorhanden und müssen teilweise manuell bedient werden.
Dennoch richtet sich das Spiel klar an ein breiteres und jüngeres Publikum. Man benötigt kein Eisenbahn-Fachwissen, um Wonders of Sodor genießen zu können. Die Steuerung ist bewusst einfach und intuitiv gehalten, sodass auch jüngere Spieler und Spielerinnen sofort zurechtkommen. Gleichzeitig bietet das Spiel genug Tiefgang für Simulations-Fans, die gerne ein Auge auf Dinge wie den Bremsdruck werfen.
Was das Spiel für Fans besonders macht, ist die Liebe zum Detail. Die Loks fühlen sich tatsächlich „echt“ an: Sie haben Gewicht, sie schnaufen unter Belastung – und vor allem behalten sie ihre ikonischen Persönlichkeiten. Besonders gelungen ist zudem, dass einige Missionen auf klassischen Episoden der TV-Serie basieren. Wer erinnert sich nicht daran, wie Henry sich weigerte, aus dem Tunnel zu kommen, weil er Angst um seinen Lack hatte? Solche Momente selbst zu erleben, macht einfach Laune.
Zwischen Spielzeugwelt und Realismus Auch optisch ist Wonders of Sodor ein Fest für Fans. Die Lokomotiven wirken, als seien sie direkt der Serie entsprungen – freundlich, bunt und mit ausdrucksstarken Gesichtern. Die Umgebung zwischen Tidmouth und Ffarquhar hingegen ist deutlich realistischer gestaltet, fast schon im Stil von Train Sim World. Dieser Kontrast mag für eingefleischte Simulationsfans zunächst ungewohnt sein, funktioniert aber überraschend gut. Das Ergebnis ist eine Art lebendiges Miniatur-Universum, das die Spielzeug-Ästhetik der Vorlage mit glaubwürdigem Realismus verbindet.
Auch akustisch überzeugt das Spiel mit gelungenen Motorgeräuschen, stimmungsvollen Naturklängen und einer angenehm entspannten Atmosphäre. Ein besonderes Highlight ist die Originalstimme von Mark Moraghan, der bereits in der TV-Serie als Erzähler fungierte und auch hier für die passende Stimmung sorgt.
Fazit: Thomas & Friends: Wonders of Sodor ist eine liebevolle Hommage an eine echte Kindheitsikone, auf die viele sicherlich schon lange gewartet haben. Technisch sauber, atmosphärisch dicht und mit viel Gespür für die Vorlage umgesetzt, fängt das Spiel den Geist der Serie hervorragend ein. Obwohl die Handlung ziemlich kurz ist und sich die Missionen im Laufe der Zeit wiederholen, dürfte das für Fans der Serie, Zugfans oder alle, die ein entspanntes Spielerlebnis für den Feierabend suchen, kaum etwas ausmachen.