Der Landwirtschafts-Simulator ist der mit Abstand bekannteste und erfolgreichste seiner Zunft, doch Simulator-Spiele im Allgemeinen boomen seit einiger Zeit. Ein Blick auf die monatliche Releaseliste zeigt, dass kein Monat vergeht, ohne dass zumindest ein oder zwei neue Simulatoren erscheinen. Dabei gibt es schon jetzt kaum einen Beruf oder eine Tätigkeit, die noch nicht in einem Simulator für jedermann zugänglich gemacht wurde. Da es bei diesem riesigen Angebot kaum machbar ist, alle Spiele zu testen, möchten wir euch in diesem Special in unregelmäßigen Abständen die neuesten, besten oder auch kuriosesten Simulatoren vorstellen.
Teil 321: Bus Bound Mit Bus Bound wagt Saber Interactive einen neuen Anlauf im Simulationsgenre – und versucht dabei, mehr zu sein als nur der nächste klassische Bus-Simulator. Statt sich ausschließlich auf das Fahren von A nach B zu konzentrieren, setzt das Spiel auf eine Mischung aus Linienbetrieb, Fortschrittssystem und einer Prise Stadtentwicklung. Was zunächst ein wenig ungewöhnlich klingt, entpuppt sich schnell als überraschend rundes und in vielerlei Hinsicht frisches Spielerlebnis.
Zwischen Alltag und Aufbau Zunächst erscheint Bus Bound aber als ein klassischer Bus-Simulator: Fahrgäste aufnehmen, Haltestellen ansteuern, möglichst pünktlich bleiben. Doch schon nach kurzer Zeit wird klar, dass hier mehr unter der Haube steckt. In der fiktiven US-Stadt Emberville müssen Fahrgäste keine Tickets bezahlen, da der öffentliche Nahverkehr als Experiment vollständig von der Stadt getragen wird. Einnahmen? Fehlanzeige.
Stattdessen rückt ein anderes System in den Mittelpunkt: die Zufriedenheit der Passagiere. Wer sauber fährt, pünktlich ist und seine Route souverän meistert, wird mit positiven Bewertungen belohnt. Diese lassen sich wiederum in den Ausbau von Haltestellen investieren. Mit genügend Fortschritt reagiert die Stadt auf den Erfolg des Projekts, schaltet neue Bezirke frei und wertet bestehende Areale sichtbar auf. Plötzlich entstehen neue Viertel, wie etwa ein Campusbereich mit eigens angelegten Busspuren – man merkt also schnell: Jede Fahrt hinterlässt Spuren im Stadtbild.
Diese gelungene Verzahnung aus Simulation und leichtem Aufbauspiel motiviert deutlich stärker, als man es zunächst erwarten würde. Es entsteht das Gefühl, nicht nur Routen abzufahren, sondern aktiv an der Entwicklung einer lebendigen Stadt mitzuwirken. Genau dieser Ansatz hebt Bus Bound angenehm von vielen Genre-Vertretern ab, die sich zumeist kaum voneinander unterscheiden.
Fahrgefühl zwischen Simulation und Arcade Auch beim eigentlichen Fahren geht Bus Bound eigene Wege – ohne dabei an Qualität einzubüßen. Die verschiedenen amerikanischen Busse vermitteln ein angenehm wuchtiges Fahrgefühl, bei dem sich das Gewicht der Fahrzeuge in jeder Kurve bemerkbar macht. Besonders positiv fällt die Unterstützung von Force-Feedback-Lenkrädern auf, die direkt ab Werk hervorragend umgesetzt ist.
Doch auch mit dem Controller lässt sich der tonnenschwere Koloss präzise und geschmeidig durch den Verkehr steuern. Es macht schlichtweg Spaß, Haltestellen zentimetergenau anzufahren und dabei zuzusehen, wie Fahrgäste zufrieden ein- und aussteigen. Insgesamt überwiegt hier allerdings der Arcade-Charakter gegenüber einem kompromisslosen Simulationsanspruch.
Unterstrichen wird das durch zahlreiche optionale Fahrhilfen: Von Navigationsanzeigen bis hin zu markierten Haltestellen wird Einsteigern viel Unterstützung geboten. Wer diese deaktiviert, erhält nicht nur eine größere Herausforderung, sondern auch kleine spielerische Vorteile in Form von Boostern für den Ausbau der Infrastruktur. Eine knallharte Simulation wird Bus Bound aber selbst dann nicht – was eingefleischte Genre-Puristen möglicherweise etwas vermissen dürften.
Stimmungsvolle Welt mit kleinen Makeln Optisch hinterlässt Bus Bound zunächst einen starken Eindruck – auch auf Konsolen. Die Stadt wirkt lebendig, dicht und abwechslungsreich gestaltet. Der Verkehr passt sich nicht nur dynamisch an die Tageszeit an, sondern unterscheidet sich auch je nach Stadtviertel, was für zusätzliche Glaubwürdigkeit sorgt. Auch architektonisch zeigt sich die Spielwelt erfreulich vielfältig: Kaum ein Gebäude gleicht dem anderen, was Emberville eine eigene Identität verleiht.
Der vorhandene Tag- und Nachtwechsel sorgt zudem für spürbare Stimmungswechsel während der Fahrten. Morgendliche Pendlerfahrten fühlen sich anders an als nächtliche Touren durch die beleuchtete Stadt. Ergänzt wird das Ganze durch unterschiedliche Wetterlagen, die zwar nicht dynamisch während einer Fahrt wechseln, sondern von Einsatz zu Einsatz variieren, aber dennoch für visuelle Abwechslung sorgen.
Im Detail zeigen sich jedoch auch einige Schwächen. So wirken die Rückspiegeldarstellungen deutlich vereinfacht und laufen mit reduzierter Bildrate, was die Immersion etwas beeinträchtigt. Auch der Himmel und die Umgebung könnten von zusätzlichen Details profitieren – etwa durch dynamische Wolkenschatten oder mehr Leben am Himmel.
Hinzu kommen die Animationen der Fahrgäste und Passanten, die stellenweise etwas steif wirken und nicht ganz mit der ansonsten stimmungsvollen Welt mithalten können. Trotz dieser kleineren Makel bleibt Bus Bound aber insgesamt ein ansehnliches Spiel, dessen Umgebung immer wieder zum Erkunden einlädt.
Gemeinsam unterwegs Ein echtes Highlight ist der Mehrspieler-Modus. Gemeinsam mit anderen Spielern durch die Stadt zu fahren, Routen aufzuteilen und Fortschritte zu erzielen, bringt spürbar frischen Wind ins Genre. Aus dem eher entspannten Solo-Erlebnis wird so ein koordiniertes Zusammenspiel, das nicht nur motiviert, sondern auch die Langzeitbindung deutlich erhöht.
Wenn die Routine Einzug hält So gelungen viele der Ideen auch sind, bleibt auch Bus Bound nicht ganz frei von typischen Genreproblemen. Trotz Fortschrittssystem und freischaltbarer Inhalte wiederholt sich das grundlegende Spielprinzip auf Dauer doch spürbar.
Auch die Stadtentwicklung bleibt stellenweise hinter ihren Möglichkeiten zurück. Veränderungen sind zwar sichtbar, greifen spielerisch aber nicht immer so tief, wie man es sich wünschen würde. Wer auf komplexe Management-Systeme hofft, könnte hier etwas enttäuscht werden.
Dazu kommen kleinere Unstimmigkeiten im Spielfluss. Einige Systeme wirken noch nicht vollständig ausgereift, und auch die Benutzerführung hätte an der einen oder anderen Stelle noch etwas Feinschliff vertragen können.
Fazit: Bus Bound ist ein spannender Versuch, dem Bus-Simulator-Genre neue Impulse zu verleihen. Die Mischung aus Fahren, Fortschrittssystem und kooperativem Gameplay funktioniert dabei überraschend gut und sorgt für eine angenehme Motivation über längere Zeit – zumindest für Fans des Genres.
Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass nicht alle Ideen bis ins letzte Detail ausgearbeitet sind. Die fehlende Tiefe in einigen Bereichen und die wiederkehrenden Abläufe verhindern, dass das Spiel sein volles Potenzial ausschöpft.
Dennoch bleibt ein positiver Gesamteindruck: Bus Bound ist kein perfektes Spiel, aber eines mit einem interessanten Ansatz, der nicht nur Simulationsfans, sondern auch Liebhaber entspannter, eher „cozy“ angehauchter Spielerlebnisse einen Blick wert ist.