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Kurz vorgestellt: Harmony: The Fall of Reverie
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Ich durfte an dieser Stelle bereits so einige Visual Novels vorstellen. Zumeist stammten diese von kleinen Indie-Studios, die nur echte Experten kennen. Mit Harmony: The Fall of Reverie betritt nun aber ein namhafter Entwickler die Welt der Visual Novels. Hinter dem Spiel steckt nämlich kein anderer als Life is Strange- und Tell me Why-Entwickler Don't Nod.

Mit eben jenen Spielen hat das Entwicklerstudio bereits mehrfach eindrucksvoll bewiesen, dass es weiß, wie man gute Geschichten erzählt. Jedoch mussten sie sich auch immer wieder anhören, dass ihre Spiele eher spielbare Filme als echte Spiele wären, schließlich würde sich der Gameplay-Anteil doch immer stark in Grenzen halten. Diese Kritik hat man bei Don't Nod wohl gehört und sich gedacht, wenn sie ohnehin bei jedem neuen Spiel immer wieder auf den Tisch kommt, weshalb dann nicht einfach mal komplett auf das Gameplay verzichten? Denn genau das haben sie in Harmony: The Fall of Reverie getan.
Wie in jeder anderen Visual Novel wird die Geschichte hier nämlich anhand von Texteinblendungen und Szenenbildern, auf denen die gerade sprechenden Charaktere im Vordergrund gezeigt werden, erzählt. Ganz so herkömmlich wie eine typische Visual Novel kommt es dann aber doch nicht daher. Schon allein die Geschichte hebt sich nämlich merkbar von der sonst eher seichten Masse ab. Ganz so, wie man es von Life is Strange oder Tell Me Why kennt, wird hier nicht irgendeine 08/15-Geschichte erzählt, deren Inhalt man schnell wieder vergessen hat. Stattdessen erlebt man auch hier eine spannende Geschichte, die mit Emotionen, Schicksalen, Wendungen, Gesellschaftskritik und glaubwürdigen Charakteren punktet.

Im Fokus dieser Geschichte steht die junge Polly, die nach fünf Jahren in ihre Heimat, die Mittelmeerinsel Atina, zurückkehrt. Wie sie feststellen muss, hat sich ihre Heimat in der Zwischenzeit aber drastisch geändert. Von der Hippie- und Künstlerkommune, in der sie als Kind mit ihrer Mutter aufwuchs, ist mittlerweile nichts mehr zu sehen. Stattdessen hat nun der schwerreiche Mono-Konzern das Sagen auf der Insel, der nicht nur alle erdenklichen Sektoren wie Schulen, Krankenhäuser, Polizei etc. kontrolliert, sondern auch Drohnen umherfliegen lässt, die die Gespräche der Bürger aufzeichnen und deren Gesichter scannen. Darüber hinaus lässt der Konzern wohl auch Querulanten verschwinden, denn genau das ist Pollys Mutter Ursula geschehen, als sie dessen Machenschaften aufzudecken versuchte. Polly ist nun auf der Suche nach ihrer Mutter, wobei sich die Suche ganz anders gestaltet, als sie sich dies gedacht hatte. Denn als sie eine Kette ihrer Mutter in deren Haus findet und um ihren Hals legt, findet sie sich plötzlich in einer Parallelwelt wieder. Reverie, wie diese Welt heißt, stellt sich dabei als Fantasiewelt heraus, in der Bestrebungen wie etwa Macht, Seligkeit oder Bindung als gottähnliche Geschöpfe umherlaufen und ab und an auch in die reale Welt eingreifen. Auch Polly wird zu so einem Geschöpf, wobei sie zur Harmonie wird und fortan in die Zukunft schauen kann und dafür sorgen soll, dass das Gleichgewicht zwischen beiden Welten ausgeglichen bleibt.
Wie Du siehst habe ich nicht zu viel versprochen. Die Geschichte von Harmony: The Fall of Reverie ist alles andere als plump oder oberflächlich. Vielmehr erschlägt sie einen zunächst förmlich, so viele Informationen prasseln in den ersten Minuten auf einen ein. Wenn man mal etwas nicht verstanden oder eine Information wieder vergasen hat, gibt es obendrein auch noch einen Kodex, in dem man jederzeit sämtliche Information noch einmal nachlesen kann.

Doch nicht nur die Geschichte selbst ist außergewöhnlich, auch deren Dauer ist alles andere als normal. Während man in einer herkömmlichen Visual Novel in ein bis allerhöchstens zwei Stunden den Abspann zu Gesicht bekommt, dauert es hier geschlagene acht Stunden, bis man die gesamte Geschichte durch hat. Wer nun Bedenken hat, dass das für eine Visual Novel etwas zu viel des Guten ist, sieht sich am Ende des Spiels getäuscht. Denn wenn man einmal am Ende angekommen ist, wird man feststellen, dass keine einzelne Sekunde, die die Geschichte andauerte, überflüssig war, dermaßen gut ist sie geschrieben. Nach den acht Stunden ist auch noch lange nicht Schluss. Während der Geschichte kann man nämlich durch die sogenannte Mantik Einfluss auf deren Lauf nehmen.

Dass man bei Visual Novels Einfluss auf den Lauf der Geschichte nehmen kann, ist dabei sicherlich nichts Neues. Doch wie Don't Nod dies mit der Mantik macht sehr wohl. Anstatt einem während eines Dialoges verschiedene Möglichkeiten anzubieten und die Geschichte damit zu beeinflussen (wobei man als Spieler*in nie genau weiß, welche Auswirkungen die gewählte Option schlussendlich hat), gewährt einem die Mantik quasi einen Blick in die Zukunft und stellt damit die Macht dar, über die Polly in Reverie verfügt.

Die Mantik zeigt sich dabei als eine Art Diagramm mit Knotenpunkten, wie man sie zum Beispiel aus Detektivspielen á la Sherlock Holmes her kennt. Je nachdem, wie wir diese Knotenpunkte nun miteinander verbinden, öffnet sich ein neuer Fortgang der Geschichte, wobei uns Don't Nod aber anhand einer vagen Beschreibung erläutert, wie dieser aussehen wird. Auf diese Weise schreiben wir, zumindest zu einem gewissen Teil, unsere eigene Geschichte.
Ganz so frei, wie man sich das ausmalt, ist man dann aber leider doch nicht. Denn um bestimmte Knotenpunkte zu erreichen, benötigen wir Kristalle in unterschiedlichen „Bestrebungen“ (z.B. Seligkeit, Bindung, Macht, Chaos), die wir aber wiederum nur dann erhalten, wenn wir bestimmte Entscheidungen treffen. Bedauerlicherweise sind diese Entscheidungen manchmal nicht die, die man eigentlich auswählen würde, wenn man den bestimmten Knotenpunkt, den man erreichen will, nicht erreichen wollen würde. Man wird also quasi gezwungen, bestimmte Entscheidungen zu wählen, um die entsprechenden Kristalle bzw. um zu dem gewünschten Ausgang zu gelangen. Natürlich muss man sagen, dass diese Art des Geschichts-Ablaufs nicht nur ein gewisses taktisches Vorgehen fördert, sondern auch für die Entwickler*innen wesentlich einfacher zu beherrschen ist, als wenn man mit unzähligen Entscheidungen auf ein und dieselbe Aktion zulaufen würde. Dennoch ist es schade, dass man so der völligen Freiheit doch wieder ein ganzes Stück entzogen wird. Zu verkraften ist dies aber allemal, da die Geschichte ebenso gut geschrieben ist. Zudem lädt sie einen durch die vielen Entscheidungen und unterschiedlichen Abläufe der Geschichte natürlich auch dazu ein, das Spiel mehrmals durchzuspielen, um zu sehen, zu welch einem Ende andere Entscheidungen führen.
Mehr Gameplay gibt es übrigens nicht. Ansonsten ist Harmony: The Fall of Reverie nämlich eine ganz normale Visual Novel, bei der man, wie ich schon erwähnte, von einem Szenenbild zum anderen springt, ohne zwischendurch selbst die Kontrolle über Polly oder irgendeinen anderen Charakter zu haben.

Wobei, so "ganz normal" ist Harmony: The Fall of Reverie auch hier wieder nicht. Denn auch bei der Quantität und Qualität der Szenen(-Bilder) gibt es einen großen Unterschied zu den herkömmlichen Visual Novels. Nicht nur, dass es hier eben sehr viel mehr unterschiedliche Szenen gibt (was sich schon allein aufgrund der Spieldauer erklärt), sondern auch die Aufmachung ist hier wesentlich aufwändiger als normalerweise. Die Szenen sind nicht nur wundervoll gezeichnet, sie zeigen auch unheimlich viele Details, die man bei anderen Genre-Vertretern in dieser Summe nur suchen kann. Einen weiteren Unterschied findet man beim Sound. Während man die meisten Texte sonst normalerweise selbst lesen muss, gibt es hier nämlich eine aufwändige Sprachausgabe und auch wenn diese leider nur in Englisch vorhanden ist, entsteht dadurch sofort eine ganz andere Stimmung.


Fazit:
Durch die zahlreichen Visual Novels, die ich an dieser Stelle bereits testen und vorstellen durfte, bin ich nach und nach ein großer Fan dieses Genres geworden. Aus diesem Grund hat mir auch Harmony: The Fall of Reverie außerordentlich gut gefallen. Das Spiel stellt nämlich in so gut wie jedem Punkt Genre-Maßstäbe. Sei es die Spieldauer, die detaillierten Schauplätze oder die aufwändige Synchronisation. In anderen Visual Novels kann man davon nur träumen. Gleiches gilt natürlich auch für die Story, die hier nicht so plump daherkommt, wie man es ansonsten leider gewohnt ist. Stattdessen bietet uns Don't Nod hier eine spannende und abwechslungsreiche Geschichte, die mit ihren Emotionen, Wendungen, ihrer Gesellschaftskritik und den tollen Charakteren ebenso Maßstäbe setzt. Hinzu kommt das Mantik-Feature, das einen ganz neuen Ansatz in diesem Genre darstellt und mich, bis auf ganz kleine Ausnahmen, auch sofort begeistern konnte.
Ich für meinen Teil bin von Harmony: The Fall of Reverie begeistert und denke, dass jede*r der/die sich ebenfalls für Visual Novels interessiert, genauso begeistert sein wird.

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Special vom: 06.07.2023
Autor dieses Specials: Stefan.Heppert
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